Donnerstag, 21.04.05

 


Investoren im Wechselbad der Gefühle
Deutsch-Rumänische Steuer- und Investitionskonferenz tagte in Hermannstadt /

 

Von Martin Ohnweiler

 

"Go east, go to Romania", forderte Rechtsanwalt Werner Schullerus nach Abschluss seines Referats über die Einkommenssteuer in Rumänien die Tagungsteilnehmer letzte Woche im Hermannstädter Forumsspiegelsaal auf. Und dies, obgleich tags zuvor Dr. Andreas Brand, Geschäftsführer der Continental Automotive Products SRL, Sibiu, für die potentiellen Rumänieninvestoren aus Deutschland im gleichen Sinne eigentlich die Handbremse zog: "Das Stabilste in Rumänien sei der Wandel", meinte der Vertreter dieses weltweit agierenden Konzerns, der auch hierzulande unter-dessen bereits mehrere Standbeine hat. Aber in das gleiche "Wechselbad der Gefühle", so ein Teilnehmer, wurden die über 100 Gäste der deutsch-rumänischen Steuerrechts- und Investitionskonferenz zum Thema "Investieren in Rumänien" fast dauernd gezerrt. Denn nicht nur das Steuerrecht hierzulande stand zur Diskussion, gleichzeitig haben Wirtschafts- und Buchprüfer, Invest- oder Bankmanager sowie langjährige Praktiker des Rumäniengeschäfts all das unter die Lupe genommen, was für bzw. gegen den Industriestandort Rumänien und einen möglichen Markteinstieg hier spricht. Doch die jeweils kalten wie warmen Duschen erwiesen sich geradezu als erfrischend für diesen Seminarmarathon von früh morgens bis spät abends am 14. und 15. April. Über 20 Referenten aus Deutschland und Rumänien haben nämlich bald doppelt so viele Aspekte aus den Bereichen Immobilienrecht und Immobilienmarkt, Steuern und Abgaben, Devisen- und Kapitalverkehr oder Finanzierungen von Investitionen, ferner Probleme der Standortwahl, des Lohnniveaus oder der Personalbeschaffung beleuchtet. Von allgemeinen Einschätzungen der wirtschaftlichen und politischen Lage hierzulande, meist in den Grußworten und Grundsatzreferaten der Ehrengäste (Konsulat, Adenauer-Stiftung, Lokalverwaltung) mal abgesehen. Doch selbst die Themenwahl bezeichnete Prof. Dr. H.-M. Korth, Präsident des Steuerberaterverbandes Niedersachsen Sachsen-Anhalt e.V. und Mitveranstalter der Tagung in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Rumänischen Juristenvereinigung e.V. (Leitung Dr. Gisbert Stalfort), schon eingangs als etwas mutig. Denn vor dem Hintergrund der politischen Diskussionen derzeit in Deutschland, wo die Auslagerung von Arbeitsplätzen sogar neuerdings als unpatriotisch bezeichnet wird, könne solch eine Tagungsinitiative mitunter falsch verstanden werden. Dem entgegnete Bürgermeister Klaus Johannis: Die Arbeitsplätze bleiben auf diese Tour jedoch in und für Europa erhalten. Schließlich hatte das Europaparlament einen Tag vor Eröffnung der Hermannstädter Konferenz sein Vertrauensvotum für den baldigen EU-Beitritt Rumäniens mit einer überraschenden Mehrheit ausgesprochen. Das machte Mut und war ein Motiv mehr, so die fast einhellige Meinung der Referenten, in Rumänien zu investieren. Doch Motive gibt es genug, Zurückhaltung zu üben und zur Vorsicht zu raten. Schon die Standortwahl sei ein Problem. Und problematisch wird es, wenn man zwischen Kalt- oder Warmstart einer Firma und ihrer Gesellschaftsform zu wählen hat. Überraschend: Kommanditgesellschaften werden weniger als GmbH gegründet, obgleich es dabei erhebliche steuerrechtliche Folgen, lies Vorteile gibt. Greenfield-Investitionen sind generell empfehlenswerter für große Investitionen, Kleinunternehmer mit unter 100 Mitarbeitern sollten sich allerdings in eine bereits vorhandene Lokation einnisten. Der Erwerb von Baugrund ist zwar für Ausländer immer noch nicht gestattet, aber auf Umwegen dann noch möglich. Und mehrere Möglichkeiten bietet sodann der Immobilienmarkt selbst. Bauwerke zu erstellen ist bald so teuer wie in Deutschland, jedoch in vielen Fällen nicht mehr zu umgehen, wie man auch das weniger bekannte Baurecht in Rumänien nicht umgehen sollte. Allein dem Unwissen der Behörden in vielen Bereichen trotz einer guten Gesetzgebung kann man nur mit einer kompetenten Fachberatung ent-gegensteuern, den unterschiedlichen Sitten ohne legale Grundlage jedoch bleibt man weiterhin gebietsweise willkürlich ausgeliefert. Fazit des ersten Konferenztags: Eingehende Recherchen sowie Beratung vor Ort sind das A und O für einen möglichen Markteinstieg in Rumänien. Dem fügte am zweiten Tag der Erfahrungsbericht von Gerhard Reichert noch einiges hinzu. Der geschäftsführende Gesellschafter von "Karpatus SRL, Sibiu" hat mittlerweile neun deutsche Unternehmer beim Firmenaufbau in und rund um die Stadt am Zibin beratend begleitet, aber auch schon fünf mögliche Investoren vom Rumäniengeschäft ferngehalten. Er legte auf die Waagschale einerseits die hohe Motivation und gute Qualifikation der Arbeitskräfte sowie das niedrige Lohnniveau, die Deutschfreundlichkeit des Umfeldes samt den deutschen Sprachkenntnissen der Mitarbeiter, warnte aber andererseits vor den hohen Energie-, Bau- und Gebäudemietskosten, der Zollabwicklung, den Transportkosten oder dem "Teile-Tourismus", um nur einige von Reichert aufgelistete Vor- und Nachzüge anzuführen. Allein das Vampirthema, das Steuer-Saug-System, ist erst gar nicht angeklungen, obschon weitere sieben Referate nur hierzu unterbreitet wurden. Allerseits begrüßt haben dabei Referenten, Moderatoren und Praktiker das neue und einheitliche Steuergesetzbuch und den ab diesem Jahr gültigen einheitlichen Steuersatz von 16 Prozent in Rumänien. Doch bei aller Euphorie vergisst man dabei allzu leicht, lautete die Warnung, auf die weiteren 84 Steuerarten, die es hierzulande noch gibt und zum Teil die Lohnnebenkosten erheblich belasten. Und die Steuervielfalt könne noch zunehmen in Anbetracht der sich anbahnenden Haushaltsdefizite, orakelten einige anwesende Fachleute. Die Nationalbank je-denfalls hat zugleich mit der Liberalisierung des Kapital- und Devisenverkehrs bereits strikte Regularien angedroht, um den in diesem Bereich befürchteten In- und dann Auslandströmungen von harten Währungen entgegenzuwirken. Es sei dies daher eine "volatile" Zeit auch für Banken, meinte die Direktorin der ProCreditbank, Ilinca Rosetti, die ähnlich ihrem Kollegen von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, Dr. Peter Thimme, jedoch das Kreditgeschäft nicht gefährdet sieht. Und alles war und ist offenbar für die Hermannstädter Investoren keine Gefahr, denn: "Viele sind mittlerweile hierher gekommen, keiner ist bislang gegangen", wusste der Bürgermeister zu berichten und schlussfolgerte: "Hermannstadt ist der Standort, den sie seit lange suchen." Das war vermutlich auch ausschlaggebend für die Anwaltskanzlei Stalfort & Partner aus Bukarest, dem Konferenzinitiator, der mit den wohl zahlreichsten Referenten anreiste, den Tagungsstandort hierher in das Deutsche Forumshaus am Zibin zu verlegen. "Denn Hermannstadt ist nun mal eines der Zentren für deutsche Investoren", gestand Dr. Gisbert Stalfort und lud am dritten Tag die Teilnehmer auf eine Reise nach Schäßburg/Sighisoara und Birthälm/Biertan ein, die dann mit einer Weinkostprobe in Seiden/Jidvei beendet wurde. Dazu ein Gast im Scherz: "Nur schon wegen des guten Seidner Rebensaftes lohnt es, in Rumänien zu investieren."

 

 

****************

 

 

 

zurück