Investoren im Wechselbad der Gefühle
Deutsch-Rumänische Steuer- und Investitionskonferenz tagte in Hermannstadt /
Von Martin Ohnweiler
"Go
east, go to Romania", forderte Rechtsanwalt Werner Schullerus nach
Abschluss seines Referats über die Einkommenssteuer in Rumänien die
Tagungsteilnehmer letzte Woche im Hermannstädter Forumsspiegelsaal auf. Und
dies, obgleich tags zuvor Dr. Andreas Brand, Geschäftsführer der Continental
Automotive Products SRL, Sibiu, für die potentiellen Rumänieninvestoren aus
Deutschland im gleichen Sinne eigentlich die Handbremse zog: "Das
Stabilste in Rumänien sei der Wandel", meinte der Vertreter dieses
weltweit agierenden Konzerns, der auch hierzulande unter-dessen bereits mehrere
Standbeine hat. Aber in das gleiche "Wechselbad der Gefühle", so ein
Teilnehmer, wurden die über 100 Gäste der deutsch-rumänischen Steuerrechts- und
Investitionskonferenz zum Thema "Investieren in Rumänien" fast
dauernd gezerrt. Denn nicht nur das Steuerrecht hierzulande stand zur
Diskussion, gleichzeitig haben Wirtschafts- und Buchprüfer, Invest- oder
Bankmanager sowie langjährige Praktiker des Rumäniengeschäfts all das unter die
Lupe genommen, was für bzw. gegen den Industriestandort Rumänien und einen
möglichen Markteinstieg hier spricht. Doch die jeweils kalten wie warmen
Duschen erwiesen sich geradezu als erfrischend für diesen Seminarmarathon von
früh morgens bis spät abends am 14. und 15. April. Über 20 Referenten aus
Deutschland und Rumänien haben nämlich bald doppelt so viele Aspekte aus den
Bereichen Immobilienrecht und Immobilienmarkt, Steuern und Abgaben, Devisen-
und Kapitalverkehr oder Finanzierungen von Investitionen, ferner Probleme der
Standortwahl, des Lohnniveaus oder der Personalbeschaffung beleuchtet. Von
allgemeinen Einschätzungen der wirtschaftlichen und politischen Lage
hierzulande, meist in den Grußworten und Grundsatzreferaten der Ehrengäste
(Konsulat, Adenauer-Stiftung, Lokalverwaltung) mal abgesehen. Doch selbst die
Themenwahl bezeichnete Prof. Dr. H.-M. Korth, Präsident des
Steuerberaterverbandes Niedersachsen Sachsen-Anhalt e.V. und Mitveranstalter
der Tagung in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Rumänischen Juristenvereinigung
e.V. (Leitung Dr. Gisbert Stalfort), schon eingangs als etwas mutig. Denn vor
dem Hintergrund der politischen Diskussionen derzeit in Deutschland, wo die
Auslagerung von Arbeitsplätzen sogar neuerdings als unpatriotisch bezeichnet
wird, könne solch eine Tagungsinitiative mitunter falsch verstanden werden. Dem
entgegnete Bürgermeister Klaus Johannis: Die Arbeitsplätze bleiben auf diese
Tour jedoch in und für Europa erhalten. Schließlich hatte das Europaparlament
einen Tag vor Eröffnung der Hermannstädter Konferenz sein Vertrauensvotum für
den baldigen EU-Beitritt Rumäniens mit einer überraschenden Mehrheit
ausgesprochen. Das machte Mut und war ein Motiv mehr, so die fast einhellige
Meinung der Referenten, in Rumänien zu investieren. Doch Motive gibt es genug,
Zurückhaltung zu üben und zur Vorsicht zu raten. Schon die Standortwahl sei ein
Problem. Und problematisch wird es, wenn man zwischen Kalt- oder Warmstart
einer Firma und ihrer Gesellschaftsform zu wählen hat. Überraschend:
Kommanditgesellschaften werden weniger als GmbH gegründet, obgleich es dabei
erhebliche steuerrechtliche Folgen, lies Vorteile gibt.
Greenfield-Investitionen sind generell empfehlenswerter für große
Investitionen, Kleinunternehmer mit unter 100 Mitarbeitern sollten sich
allerdings in eine bereits vorhandene Lokation einnisten. Der Erwerb von
Baugrund ist zwar für Ausländer immer noch nicht gestattet, aber auf Umwegen
dann noch möglich. Und mehrere Möglichkeiten bietet sodann der Immobilienmarkt
selbst. Bauwerke zu erstellen ist bald so teuer wie in Deutschland, jedoch in
vielen Fällen nicht mehr zu umgehen, wie man auch das weniger bekannte Baurecht
in Rumänien nicht umgehen sollte. Allein dem Unwissen der Behörden in vielen
Bereichen trotz einer guten Gesetzgebung kann man nur mit einer kompetenten
Fachberatung ent-gegensteuern, den unterschiedlichen Sitten ohne legale
Grundlage jedoch bleibt man weiterhin gebietsweise willkürlich ausgeliefert.
Fazit des ersten Konferenztags: Eingehende Recherchen sowie Beratung vor Ort
sind das A und O für einen möglichen Markteinstieg in Rumänien. Dem fügte am
zweiten Tag der Erfahrungsbericht von Gerhard Reichert noch einiges hinzu. Der
geschäftsführende Gesellschafter von "Karpatus SRL, Sibiu" hat
mittlerweile neun deutsche Unternehmer beim Firmenaufbau in und rund um die
Stadt am Zibin beratend begleitet, aber auch schon fünf mögliche Investoren vom
Rumäniengeschäft ferngehalten. Er legte auf die Waagschale einerseits die hohe
Motivation und gute Qualifikation der Arbeitskräfte sowie das niedrige
Lohnniveau, die Deutschfreundlichkeit des Umfeldes samt den deutschen
Sprachkenntnissen der Mitarbeiter, warnte aber andererseits vor den hohen
Energie-, Bau- und Gebäudemietskosten, der Zollabwicklung, den Transportkosten
oder dem "Teile-Tourismus", um nur einige von Reichert aufgelistete
Vor- und Nachzüge anzuführen. Allein das Vampirthema, das Steuer-Saug-System,
ist erst gar nicht angeklungen, obschon weitere sieben Referate nur hierzu
unterbreitet wurden. Allerseits begrüßt haben dabei Referenten, Moderatoren und
Praktiker das neue und einheitliche Steuergesetzbuch und den ab diesem Jahr
gültigen einheitlichen Steuersatz von 16 Prozent in Rumänien. Doch bei aller
Euphorie vergisst man dabei allzu leicht, lautete die Warnung, auf die weiteren
84 Steuerarten, die es hierzulande noch gibt und zum Teil die Lohnnebenkosten
erheblich belasten. Und die Steuervielfalt könne noch zunehmen in Anbetracht
der sich anbahnenden Haushaltsdefizite, orakelten einige anwesende Fachleute.
Die Nationalbank je-denfalls hat zugleich mit der Liberalisierung des Kapital-
und Devisenverkehrs bereits strikte Regularien angedroht, um den in diesem
Bereich befürchteten In- und dann Auslandströmungen von harten Währungen
entgegenzuwirken. Es sei dies daher eine "volatile" Zeit auch für
Banken, meinte die Direktorin der ProCreditbank, Ilinca Rosetti, die ähnlich
ihrem Kollegen von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft,
Dr. Peter Thimme, jedoch das Kreditgeschäft nicht gefährdet sieht. Und alles
war und ist offenbar für die Hermannstädter Investoren keine Gefahr, denn:
"Viele sind mittlerweile hierher gekommen, keiner ist bislang
gegangen", wusste der Bürgermeister zu berichten und schlussfolgerte:
"Hermannstadt ist der Standort, den sie seit lange suchen." Das war
vermutlich auch ausschlaggebend für die Anwaltskanzlei Stalfort & Partner
aus Bukarest, dem Konferenzinitiator, der mit den wohl zahlreichsten Referenten
anreiste, den Tagungsstandort hierher in das Deutsche Forumshaus am Zibin zu
verlegen. "Denn Hermannstadt ist nun mal eines der Zentren für deutsche
Investoren", gestand Dr. Gisbert Stalfort und lud am dritten Tag die
Teilnehmer auf eine Reise nach Schäßburg/Sighisoara und Birthälm/Biertan ein,
die dann mit einer Weinkostprobe in Seiden/Jidvei beendet wurde. Dazu ein Gast
im Scherz: "Nur schon wegen des guten Seidner Rebensaftes lohnt es, in
Rumänien zu investieren."
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